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Aber mehr noch als dieses alles, was uns materiell von ihm geblieben ist, zählt für mich das, wie er eingegangen ist in mein eigenes Leben: wie ich ihn erlebte, was ich von ihm lernte (oder hätte lernen sollen), was ich ihm verdanke. Dieser einfache Mann, der so gar nichts Großspuriges an sich hatte, sondern etwas Bescheidenes, Nachdenkliches, Bedächtiges, Langsames, hat Eindruck gemacht. Nicht nur auf mich. Dass er nicht ein Mann der flinken Zunge war, hinderte ihn nicht, seine Stimme zu erheben und Aufmerksamkeit einzufordern und auch zu bekommen. Was er sagte, war wohl überlegt, begründet und wert, bedacht zu werden. Dieser Mann ohne Abitur und Studium wurde zum anerkannten Heimatforscher der Lokalgeschichte von Marienfelde. An ihm kommt keiner vorbei, der heute über unsren Stadtteil etwas sagen will. Ich ziehe meinen Hut vor diesem Menschen Hans-Werner Fabarius und ich freue mich, dass mein Bemühen im Zusammenspiel mit dem Bezirksamt Tempelhof, ihn öffentlich zu ehren, erfolgreich war. 2005 erhielt er die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschlands. Am 13. Juli 1929 kam er in Berlin-Lichtenberg zur Welt. Er war neun Jahre alt, als sein Vater auf der Straße Bruchstücke von Fensterscheiben aufsammelte, um ihm daraus ein Aquarium zu machen. Es war der Tag nach der sog. Reichskristallnacht, am 9. November 1938. Hans-Werner verstand nicht, warum es da so viele Scherben gab. Später fragte er, was damals los gewesen war. Längst ein Marienfelder geworden, fragte er sehr konkret: Was war an diesem Tag und davor und danach eigentlich in Marienfelde los? Wie viel Juden gab es und wo sind sie geblieben? Und wo waren die Marienfelder, die ihren Arzt D. Jakobson doch so schätzten, als man diesem sein Leben unerträglich machte? Und er fragte sich: Warum trug ich mit jugendlichem Stolz die HJ-Uniform? Was wäre aus mir geworden, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte? Er fragte sehr konkret und beharrlich, überhaupt nicht, um zu richten. Er nahm die Dinge nicht einfach so hin, sondern wollte verstehen. Er fragte, wie sie sind und warum sie so sind und was sich daraus ergibt, dass sie so sind. Mit dieser Haltung war er kein pflegeleichter Zeitgenosse. Ich spürte das öfters beim Redigieren seiner Bücher. Er ließ sich in seinem Fragen nicht beirren, selbst wenn ich durchatmete, weil ich meinte, es sei doch schon alles geklärt. Ohne diese Hartnäckigkeit wäre er nie der Lokalhistoriker geworden, an dem heute keiner vorbei kommt, der über Marienfelde etwas Gültiges aussagen will. An diesem so gar nicht streitsüchtigen Menschen lerne ich wieder einmal, dass man streiten können muss, wenn man mit andren in Frieden auskommen will. Er war kein Spielball für andre. Er hatte nichts Unterwürfiges an sich, vielmehr eine Geradlinigkeit, die zeigte, dass er Rückgrat besaß. Mehrmals hatte er mir davon erzählt, wie er in den letzten Kriegstagen als Fünfzehnjähriger in Uniform in einer Ruine auf wenige Meter einem blutjungen russischem Soldaten gegenüber stand. Beide schossen nicht, sondern verdrückten sich nach einigen Sekunden, die Hans-Werner wie eine Ewigkeit vorkamen. Dem Russen wohl auch. Das Leben – ein Geschenk! Das strahlte er für mich überhaupt aus: Es gibt mich und ich sage JA dazu. Seine Freude, auf der Welt zu sein, befähigte ihn, auch zu andren JA zu sagen. Für diese Lebenssicht und Lebenspraxis holte er sich immer wieder neue Nahrung durch sein vielfältiges Engagement in der Gemeinde und der Kirche, durch Gottesdienstbesuche und das tägliche Lesen der Losungen. Das letztere blieb auch noch dann, als er nicht mehr zu den Gottesdiensten gehen konnte. So wie er am letzten Tag seines Lebens auch noch darum bat, zusammen Rummikub zu spielen. Als ein Mensch mit Humor, mit seinem verschmitzten Lächeln, wenn er eine Überraschung auf Lager hatte, als einer, der überhaupt viel Freude am Leben besaß, wird er uns im Gedächtnis bleiben. Seine Freude galt der Geschichte und den Menschen, konkret: Hans-Werner Fabarius bei der Verlegung der Marienfelder Stolpersteine 2011 Marienfelde und seiner großen Familie sowie seinen vielen Freundinnen und Freunden. Wir machen uns arm, wenn wir diesen großen kleinen Mann so bald aus dem Blickfeld verlieren. Es gibt so viele in der Kirchengemeinde und in seinem Freundeskreis, die ihre Geschichten erzählen können, die sie mit ihm erlebt haben. Lasst uns das tun.

Dazu lade ich Euch und Sie alle im Namen der Kirchengemeinde Marienfelde herzlich ein. Der Verein „Historisches Marienfelde“ wird zusammen mit mir den Abend gestalten. Kommen Sie in dankbarer Erinnerung an Hans-Werner Fabarius oder um ihn kennen zu lernen, wie er sich im Leben andrer wieder spiegelt, am Donnerstag, den 24. Januar 2019 um 18.00 Uhr im Dorothee-Sölle-Haus, Waldsassener Str. 9.

Klaus Grammel



Dorothee-Sölle-Haus
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