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Mitten in der Woche treffe ich Linnea und Nick im Dorothee-Sölle-Haus. Beide kenne ich aus dem Konfirmandenunterricht und von der Konfi-Fahrt in den letzten Herbstferien. Beide werden in diesem Jahr konfirmiert, beide sind junge Menschen in Marienfelde. Ich habe mich für das Gespräch mit den beiden an dem Journalisten Moritz von Uslar orientiert. Interviewt er die Prominenz aus Politik, Kultur oder Sport, stellt er ihnen 99 Fragen, mitunter absurde, eindringliche, banale. Das Gespräch wird schneller, im Frage-Antwort-Stakkato fallen gelegentlich Witz, Weisheit und Belangloses zusammen. Für den ersten Versuch sollen es weniger Fragen sein, 20 für Linnea, 19 für Nick. Zuerst betritt Linnea den Raum. Sie ist groß, schlank, sportlich. Ich muss unwillkürlich an Volleyball und Handball denken. Brav bedanke ich mich für ihre Bereitschaft, sich für den Gemeindereport interviewen zu lassen – vielleicht nicht der liebste Zeitvertreib nach einem Schultag mitten in der Woche. Sie lächelt. Ich erläutere meine Idee, wir testen das Aufnahmegerät und es geht los. 1. Musik oder Sport? Eigentlich beides gleich gerne. 2. Kiepert-Grundschule oder Marienfelder- Schule am Erbendorfer Weg? Ich war auf keiner von beiden Grundschulen, sondern in Tempelhof auf einer Grundschule. Wir sind dann erst später hierher gezogen. 3. WhatsApp oder Snapchat? WhatsApp. 4. Ein freier Nachmittag: Lieber Fernsehen oder lieber Internet? Ich glaubʼ‘ lieber Internet. 5. Eine Schulstunde fällt aus: Lieber Mathe oder lieber Deutsch? Lieber Mathe. Eine erste Pause. Durchatmen. Das ging schon ganz gut. Einige Fragen zum Warmwerden. Im Hintergrund, hört man den Flügel – der Kinderchor singt sich ein. 6. Eine Frage zu Marienfelde: Wo ist der Lieblingsort? Nicht verraten, eine grobe Beschreibung. Bei der Kirche. Weil dort ist es alt, nicht dieses Moderne mit den ganzen Hochhäusern – wie ein Dorf. 7. Wo ist es schöner zu wohnen, im Zentrum (Mitte, Wedding, Prenzlauer Berg, Friedrichshain, Kreuzberg) oder am Rand der Großstadt? Ich finde, hier am Rand der Stadt. Hier ist es viel grüner, wir haben gleich in der Nähe einen Park. Im Zentrum ist es so laut, so viele Autos. 8. Wie verabredest Du Dich mit Freundinnen und Freunden? Wir schreiben uns Nachrichten und telefonieren. 9. Angeblich das Jugendwort des Jahres 2018: Ehrenmann, Ehrenfrau – wann nutzt Du das? Gar nicht. 10. Noch eine Frage zum Internet: Wie viel Zeit muss man in die Pflege eines schönen Instagram-Profils stecken? Keine Ahnung. Halbzeit. Die Antworten werden länger, zumindest, wenn wir uns über das Leben in Marienfelde unterhalten. Die Fragen zur Jugendsprache und vermeintlichen Hauptbeschäftigung von Jugendlichen beantwortet Linnea kurz und knapp. Wir lachen gemeinsam. Typisch – wenn Erwachsene sich ein Bild von den nachfolgenden Generationen machen, liegen sie oft daneben. 11. Eine Frage zur Gemeinde: Lieber der Gottesdienst um 9.30 Uhr in der Dorfkirche oder lieber um 11 Uhr im Sölle-Haus? Lieber den um 9.30 Uhr in der Dorfkirche, dann hat man noch mehr vom Tag und es ist nicht gleich gegen Mittag nach dem Gottesdienst. 12. Jung sein, heißt aufbrechen – wohin brichst Du auf? – eine Denkpause – Also ich möchte ein freiwilliges soziales Jahr machen, studieren, und zur Zeit möchte ich gern Lehrerin werden, am liebsten an der Grundschule. 13. Ferne Zukunft? Der erste Urlaub mit Freunden ohne Eltern, wohin geht es? Ich habe schon einmal Urlaub gemacht ohne Eltern, mit Freundinnen auf dem Reiterhof. Aber ein Urlaub ohne andere Erwachsene – das weiß ich noch nicht. 14. In der Schule: Lieber Unterricht am SMART Board und mit Tablets oder an der Tafel und mit Büchern? Eher an der Tafel und mit Büchern. 15. Schreibt Ihr im Deutschunterricht noch Gedichtsanalysen? Ja. Ein letztes Mal durchatmen. Bald ist es geschafft. Der Kinderchor singt im Hintergrund, einige Fragen haben Linnea nachdenklich gemacht. Mal sehen, wie sie auf die letzten Fragen reagiert. 16. Schon einmal überlegt einen eigenen YouTube-Kanal zu starten – Fitness, Gaming, Makeup, Essen, worum gehtʼs? Das habe ich noch nicht überlegt, will es auch gar nicht. 17. Anfang März beginnt die Fastenzeit. Welcher Verzicht würde guttun, wäre aber auch schmerzhaft? Da gibt es voll vieles: Süßigkeiten wären gut, aber nicht so schmerzhaft. Fleisch wäre auch ganz gut. 18. Berlin in 20 Jahren, wie sieht es hier aus? Linnea nimmt sich Zeit, überlegt. Dann sagt sie: Ich glaube, viele Hochhäuser, viel Digitales, voller. 19. Was nervt mehr, ein Mathe-Test oder dieses Interview? Ein Mathe-Test. Da habe ich Glück gehabt. 20. Wofür geht das Taschengeld drauf? Das meiste für die Cafeteria in der Schule und für Süßigkeiten. Es ist geschafft! 20 Fragen in achteinhalb Minuten – beinahe schon ein wenig Prüfungsatmosphäre. Wunderbar! Vielen Dank! Nach dem Abschied von Linnea blättere ich ein wenig in den Unterlagen, prüfe, ob das Aufnahmegerät funktioniert hat. Plötzlich steht Nick in der Tür, schwarzer Kapuzenpulli, grüßt freundlich. Auch bei ihm bedanke ich mich brav und erläutere ihm meine Idee. Er ist einverstanden und nimmt mir gegenüber Platz. 1. Rot oder Blau? Blau. 2. Kiepert-Grundschule oder Marienfelder- Schule am Erbendorfer Weg? Weder noch. Berthold-Otto-Schule. 3. Lieber ein Fußballprofi oder ein Star im E-Sport? Eher im E-Sport. 4. Nach den Hausaufgaben: Lieber Fernsehen oder lieber Internet? Eher Internet. 5. Eine Schulstunde fällt aus: Lieber Englisch oder lieber Geschichte? Englisch. Das ging flott. Durch die Aufwärmphase ist Nick in knapp einer Minute marschiert. Einmal schütteln und weiter: 6. Eine Frage zum Internet: Wann hast Du Dir den ersten Nickname zugelegt, wie viele hast Du? Den ersten – das weiß ich nicht. Aber ich habe ungefähr drei, vier. 7. Wo lebt es sich besser, im Zentrum (Mitte, Wedding, Prenzlauer Berg, Friedrichshain, Kreuzberg) oder am Rand der Großstadt? Ja, hier. 8. Nach der Schule, Du bist unterwegs, begegnest einem Lehrer aus der Schule. Welche Zahl steht auf Deinem Stimmungsbarometer von 1–10, also von „Bloß weg hier!“ bis „Wie wunderbar, Sie zu treffen!“ Acht. 9. Angeblich das Jugendwort des Jahres 2018: Ehrenmann, Ehrenfrau – wann nutzt Du das? Gar nicht. 10. Das eigene Zimmer, Du darfst es gestalten. Was gehört unbedingt hinein? Ein Bett, ein Radio auf jeden Fall, ein CDSpieler, eine Lampe, ein Sessel, eine Couch. Und schon ist die Hälfte der Fragen geschafft. Nick lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Selbst bei einer Begegnung mit einem Lehrer in der Freizeit behält er die Fassung. Mit einer „Acht“ räumt er das Klischee ab. Aber wie ist es bei einer Pfarrerin oder einem Pfarrer? 11. Nach der Schule, Du bist unterwegs, begegnest einer Pfarrerin oder einem Pfarrer aus der Gemeinde. Welche Zahl steht auf Deinem Stimmungsbarometer von 1–10, also von „Bloß weg hier!“ bis „Wie wunderbar, Sie zu treffen!“ Acht. 12. Jung sein, heißt aufbrechen – wohin brichst Du auf? Ins Erwachsenensein. Bumm! Erst eine lakonische Antwort. Nick denkt nach, sagt dann: Wenn ich erwachsen bin, will ich eine Weltreise machen, mit dem Fahrrad. 13. Ferne Zukunft? Der erste Urlaub mit Freunden ohne Eltern, wohin geht es? Nach Amerika. 14. In der Schule: Schreibt man sich noch Zettelchen und Briefe, oder alles nur per WhatsApp und Co? Also in unserer Klasse ist es so: Man sagt es eher mitten im Unterricht raus – aber ich sagʼ‘s einfach gar nicht. Gleich ist da Heiterkeit und ich erinnere mich an einige wilde Stunden in der eigenen Schulzeit. 15. Rechnet Ihr im Mathematik noch schriftlich, also schriftlich multiplizieren oder dividieren? Nein. Das machen wir mit dem Taschenrechner. Eine kurze Pause. Bald ist es geschafft. Die letzten vier Fragen: 16. Schon einmal überlegt einen eigenen YouTube-Kanal zu starten – Fitness, Gaming, Makeup, Essen, worum geht‘s? Eher Gaming. 17. Anfang März beginnt die Fastenzeit. Welcher Verzicht wäre gut, aber auch schmerzhaft? Süßigkeiten. Äpfel wären sehr schwer, ohne einen Apfel würde ich in der Schule nicht wirklich lang durchhalten. 18. Berlin in 20 Jahren, wie sieht es hier aus? Dreckiger als heute. 19. Wofür geht das Taschengeld drauf? Spiele hauptsächlich oder ich bewahre es auf, dann kommt es auf das Konto. Super! Vielen Dank! In sechs Minuten sind wir durch das Interview gerast. Ich verabschiede Nick, bei der nächsten Stunde Konfirmandenunterricht sehen wir uns wieder. Beide haben mir mit ihren Antworten auf die Fragereihen viel Freude bereitet. Beide waren souverän und direkt. Was kann ich mir mehr wünschen für das erste Interview von Menschen in Marienfelde?

Simon Danner



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